Österreich nach dem ersten Weltkrieg
Das alte Österreich hatte den ersten Weltkrieg verloren und zerfiel in der Folge in seine Bestandteile. Der tschechische, ungarische, südslawische, italienische und besonders der deutsche Nationalismus hatte den Untergang des Vielvölkerreiches besiegelt. Im "Memorandum für Lethbridge", aufgezeichnet kurz vor seinem Tode, sah Kaiser Karl I. das Schicksal seiner Völker prophetisch voraus. Die Völker Mitteleuropas hatten nur die Wahl zwischen dem großpreußischen oder dem russischen Joch. Daß sie im Laufe der Geschichte zuerst unter der einen und dann unter der anderen Herrschaft zu leiden hatten, konnte selbst Karl nicht ahnen (vgl. E. Feigl, Hrsg.: Kaiser Karl. Persönliche Aufzeichnungen, Zeugnisse und Dokumente, Wien/München 1984). George Clemenceau höhnte Österreich als den "Rest, der übrig bleibt", ("L'Autriche, c'est qui reste"), und die politischen Führer nannten es "Deutsch-Österreich" und wollten eine Provinz der Deutschen Republik daraus machen. Nur der Friedensvertrag von St. Germain hinderte die "Staatsgründer wider Willen" (Karl Renner) daran. Die an der Macht befindlichen Parteien - links oder Rechts - wollten jedoch trotz aller Gegensätze weiterhin den "Anschluß" und glaubten nicht an die Lebensfähigkeit des klein geworden en Österreich. Vehementester Gegner dieser Politik war Kaiser Karl, der am 11. November 1918 zwar nicht auf seinen Thron, aber auf die Beteiligung an den Regierungsgeschäften verzichtet hatte. Der 12. November 1918 gilt daher als Gründungstag der Republik Österreich. Nachdem das Volk über seine Staatsform nicht befragt worden war, war die Ausrufung der Republik vom Standpunkt der "Legitimisten" illegal. Kaiser Karls Anhänger wollten vor allem die Unabhängigkeit Österreichs; sie hatten als einzige keine Nationalitäts- oder Identitätsprobleme und versuchten mit aller Kraft gegen den Strom zu schwimmen und wenigstens die Idee des übernationalen "abendländischen, römischen oder europäischen Reiches" in die Zukunft zu retten. An den österreichischen Hochschulen und Universitäten war die Deutschtümelei schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts weit verbreitet, selbst in liberalen oder katholischen Kreisen. Österreichischer Patriotismus galt als anachronistisch und eines Intellektuellen nicht würdig. Wer gar noch Katholik war, konnte sich nicht ernstlich mit Wissenschaft befassen.